Der meditative Weg und die menschliche Entwicklung
I. Zur menschlichen Entwicklung gibt es seit Jahrtausenden unendlich viele
Konzepte. Gerade in der heutigen Zeit ist dieses Thema in den Medien und in
vielen Gremien besonders aktuell.
Die Kinder entwickeln sich nach einem von der Natur festgelegten Schema (von
der Psychoanalyse sehr gut erforschten Stufen), vom Baby zum Erwachsenen. Wir
Erwachsenen müssen ihnen die Möglichkeit geben, entsprechend ihrer
intellektuellen Möglichkeiten, Wissen anzuhäufen und kreativ zu werden.
Entwicklung blieb für mich lange Zeit eine Entfaltung und Differenzierung
intellektueller Fähigkeiten.
II. Während meiner Begegnungen und Auseinandersetzungen mit den humanistischen
Psychotherapien wandelte sich das Bild. Das Intellektuelle verlor seine zentrale
Bedeutung und die psychische Ebene trat in den Vordergrund:
Gebe ich dem Kind in der Schule die Möglichkeit, seine - durch die Erziehung
defizitäre - psychische Entwicklung zu überwinden (also nachzureifen),
wird sich die natürliche Neugier durchsetzen und das Kind wird Lernbereitschaft
zeigen und lernfähig sein. Es wird auch später als Erwachsener bindungsfähig
sein und in der Gesellschaft (sozial) und in seinem Beruf (intellektuell) bestehen
können. Als Sonderschullehrer für verhaltensauffällige Kinder
ergriff ich die Möglichkeit, dies zu beweisen.
Dann führte mich mein Weg zur Meditation und ich stellte fest, dass alle
bisherigen Entwicklungsgedanken viel zu kurz gefasst waren.
Mit 18 Jahren ist man noch kein sich selbst bestimmender Erwachsener, ebenso
wenig mit 40 oder 70, wenn nicht ein entscheidender Schritt hinzukommt: Der
"spirituelle Weg". (Dies heißt für mich, die konsequente
Auseinandersetzung mit sich selbst.)
Dieser Gedanke ist natürlich nicht neu, seit Jahrtausenden beschäftigen
sich die Weisen und Religionen aller Schattierungen damit. Mir wurde klar, wie
schwierig dieser entscheidende Entwicklungsschritt ist, und wie fremd er sich
in unserer Gesellschaft darstellt.
III. Ich entdeckte für mich, dass sich die Menschheit zumindest in den
letzten zweieinhalb Jahrtausenden nicht weiter entwickelt hat. Wenn man z. B.
auf die politische und wirtschaftliche Szene schaut, ist das leicht zu erkennen.
Eine Ausnahme bildeten anscheinend die Wissenschaften. Man kann die Erkenntnisse
und Veränderungen der Wissenschaft (und auch der Technik) allerdings auch
als enorme Differenzierung und nicht als Entwicklung bezeichnen. Es wird deutlich,
dass es auf die Definition von Entwicklung ankommt. Ich möchte mich hier
festlegen:
Entwicklung ist, wie es das Wort schon selbst sagt, ein Prozess des sich Ent-wickelns.
Das Verwickelte ent-wickelt sich, es bleibt nicht mehr verwickelt.
Die Naturwissenschaft, die Soziologie und Psychologie haben sich zwar enorm
differenziert, aber im obigen Sinne nicht entwickelt. Zwischen den Zeilen lese
ich oft, dass Wissenschaftler einen neuen Entwicklungsschritt der Menschheit
einfordern und die Notwendigkeit aus ihren Forschungen herauslesen, doch sie
wagen es nicht, dies offen auszusprechen. Wahrscheinlich aus Angst, als Spinner
zu gelten. Sie sprechen davon, dass die Menschheit sich verändern muss.
Sie erwähnen aber nicht (oder wissen nicht), dass dies nur über eine
radikale Entwicklung im Innern gehen kann. Mit einer von außen wirkenden
Erziehung sind die Grundstrukturen in uns nur zu manipulieren, nicht zu verändern.
Wir sind mit unserem linearen, intellektuellen Denken an einem Wendepunkt angekommen.
Viele grundlegende Ergebnisse der Forschung lassen sich nicht beantworten:
1. Wie kommt es, dass das Licht je nach Betrachtungsweise (Sicht) Welle und
Partikel gleichzeitig ist?
2. Alle sprechen von der Anziehungskraft, die großen Massen eigen ist
(Planeten, Fixsternen, Galaxien), doch keiner weiß, was diese Anziehungskraft
ist.
3. Soziale Gruppengesetze sind eingehend erforscht, doch was ist das eigentliche
Geheimnis ihrer Gesetzmäßigkeit / ihres Wirkens? Wie kommt es zu
den Massenphänomenen großer Menschenansammlungen?
4. Das Wort "unbewusst" ist nahezu jedem vertraut. Aber was steckt
hinter dem Phänomen des Unbewussten?
Diese Reihe von Fragen könnte man beliebig fortsetzen.
IV. Meine subjektive Antwort lautet:
Die Evolution hat das Leben und die Natur der Erde bis zu einem Punkt gebracht,
an dem die Auswirkung des Intellekts einen augenblicklichen Höhepunkt erreicht
hat, doch andere Bereiche des Menschen sind auf einer voreiszeitlichen Stufe
stehen geblieben.
Alle Religionen bieten seit Jahrtausenden Lösungen an, doch den entscheidenden
Schritt haben sie nicht ermöglichen können. Die Kulturen sind nur
dünne Schichten des Menschseins, so wie die Erdkruste nur eine dünne
Schicht ist, die uns vom Erdinneren und damit vom Inferno des Magmas trennt.
Die Erdkruste wird nicht dicker, wenn wir sie erforschen und die verschiedenen
Stärken zu kompensieren versuchen, also z. B. die Alpen abtragen und in
die Nordsee verfrachten.
Übersetzt heißt das, es hilft nichts, wenn wir die von der Natur
in uns eingepflanzten Mechanismen (die unbewussten Ebenen) mit neuen Dogmen
und Verpflichtungen überdecken, um "gute Menschen" zu werden.
Wir müssen uns eingestehen,
1. dass wir unterhalb unserer "dünnen Schicht" des intellektuellen
Menschseins noch wie um ihre Existenz kämpfende Tiere sind.
2. dass wir unter der tierhaften Schicht noch einfach "dumpf" dahinvegetierende
Pflanzen sind und
3. dass wir darunter noch dumpf existierende Kristalle sind.
All diese Existenzebenen beeinflussen die schmale Schicht des Intellektes und
so auch unsere Moral in jeder Sekunde unseres Lebens. Die Logik, auf die wir
so stolz sind, hat ein sehr wackliges Fundament.
An diesem Punkt der Sicht angekommen (dies ermöglicht mir die Philosophie
Aurobindos), erkenne ich für mich, was Entwicklung eigentlich ist. Es ist
so "einfach" und gerade in und durch die Einfachheit so schwierig:
Da ist unendlich viel verwickelt, da ist ein riesiges Knäuel, das von der
Evolution erschaffen wurde, damit wir unseren Platz in der Schöpfung finden
können. Uns bleibt nichts anderes übrig, als es zu entwirren, zu ent-wickeln.
Jeder Überbau, jede Erklärung, ist ein Produkt des Intellektes und
fördert die Verwicklung. Wir müssen damit aufhören zu theoretisieren
oder unseren Wert und Sinn im Intellektuellen zu sehen.
Wollte ich ganz konsequent sein, müsste ich auf diese Homepage verzichten.
Allerdings brauchen wir ein Medium des Verstehens, der Kommunikation. Meine
Hoffnung ist, dass es auch hier ein Verstehen "zwischen den Zeilen"
gibt, welches weiter geht als Worte es vermögen. Diese Seiten sind nichts
anderes als Anregungen, sich selbst immer wieder der eigenen Tiefe zu stellen!
Hier mein Resümee:
Die entscheidende Entwicklung der Menschheit geht nicht in weitere Formen der
Differenzierung, in das mehr sein, oder mehr werden, sondern nur über den
Einzelnen in die Ein-Fach-heit. Wir müssen die Einfachheit, die in uns
liegt, ent-wickeln. Jeder für sich und direkt, ohne die bisher aufgestellten
Gesetze und Regeln, ohne Erklärungen und Moralisierungen. Dieser Weg geht
immer durch ein subjektives Chaos. Aus dem Chaos entsteht immer eine neue Gestalt
und das immerfort, bis die letzte Schicht ent-wickelt ist. Diese letzte Schicht
ist das einfache Geheimnis, ist die Leere der Buddhisten oder das Tao der alten
Chinesen. Diese Leere ist die nichtgestaltete unendliche Fülle.
Geht der Mensch diesen Weg, ist er der Er-wach-sene, bis er dann "am Ende"
der Erwachte ist.
Aber Achtung, hiermit meine ich nicht die Erlebnisse einer Vertiefung, die
eine neue Ebene der Differenzierung eröffnen würden, ich meine die
Einfachheit!!!
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