Ich - Du und das Mitgefühl
Ich war fast 30 Jahre Lehrer. Da dieser Beruf für mich kein Job war, sondern
aus Interesse an den Menschen gewählt wurde, begann ich natürlich
von Anfang an zu beobachten und meine Schlüsse zu ziehen. Am Anfang waren
diese Schlüsse noch analytisch geprägt. Ich kannte nichts anderes.
Doch die Begegnung mit den sehr schwierigen Kindern (Heimbewohner) ließen
mir keine Wahl. Ich musste zu reagieren lernen und konnte mich nicht hinter
den erlangten Schlüssen verstecken. Da ich die Kinder mochte, fiel mir
das Reagieren nicht schwer. Doch ich merkte zum Glück schnell, dass das
Reagieren zu wenig war, dass das "Mögen" der Kinder zwar eine
Basis war, ich aber lernen musste zu agieren. Viel später merkte ich, dass
das "Mögen" eigentlich Beziehung war. Ich war mit den Kindern
in Beziehung. Wir pflegten zusammen eine Beziehung. Sie war von Theorien und
Festlegungen nicht belastet.
Es ist für das Verständnis wichtig zu erwähnen, dass ich "nur"
das alte Volksschulexamen hatte und von der Sonderschule zu diesem Zeitpunkt
wirklich nur den Namen kannte. Das Wort Psychologie war mehr oder weniger nur
ein Fremdwort. Hinzu kam, dass die Kinder allesamt verurteilte Kriminelle waren,
einschließlich 600fachen Diebstahls und eines Mordes.
Ich ging durch eine harte Schule und lernte viel. Ich lernte vor allem Beziehung
als Basis des Miteinanders zu schätzen, im Augenblick zu reagieren und
mit völlig neuen Verhaltensweisen zu agieren. Die Normen der Gesellschaftsklasse,
in der ich groß geworden war, zählten hier nicht. Um es noch einmal
zu betonen: Ich entdeckte, dass Beziehung die einzige Norm ist, die für
uns Menschen fundamentale Bedeutung hat. Alle anderen Normen und Werte sind
Hilfskonstruktionen, die geändert werden können, mehr noch: die immer
wieder neu verändert werden müssen. Zu einer Beziehung gehört
Beachtung des anderen und die Achtung vor dem anderen. Wir müssen lernen,
den anderen zu sehen und in seinem So-sein zu würdigen. Doch das ist unmöglich,
wenn wir nicht lernen uns selbst zu sehen und zu würdigen.
Diese Einstellung wurde dann noch durch meine Ausbildungen in humanistischen
Therapieformen wesentlich vertieft. Da meine Beobachtungsgabe zwangsläufig
und als "Überlebenstraining" durch die Kinder geschult war, staunte
ich nicht wenig, als ich in den Gruppen die Reaktionsmuster der anderen Teilnehmer
sah. Sie waren nicht durch diese harte Schule gegangen, sie waren überwiegend
studierte Psychologen. Ich verstand sie oft nicht und ich fragte mich, worin
der Unterschied zwischen den Kindern und den Psychologen wohl liegt: Sie waren
durch das Studium verstellt. Sie reagierten emotional und körperlich in
der harten Therapieausbildung, doch ordneten sie das Erlebte sofort ein und
theoretisierten darüber.
Sie behandelten sich selbst wie ein Objekt. Wo blieb die Beziehung? Das war
für mich sehr erschreckend. Mir gelang es nicht, mit ihnen in Beziehung
zu treten, denn ich konnte und wollte in ihrer Sprache nicht mitreden. Das war
hart für mich. Ich fühlte mich als Außenseiter und das kannte
ich aus meiner Jugend zu genüge. Ich hatte in dieser Phase ein Bild, dass
ich auch in die Runde einwarf: Da war eine Allee mit großen, starken Bäumen
(die Teilnehmer), aber auf der Straße fand kein Leben statt, sie blieb
leer.
Jetzt half mir mein Forschergeist: Ich entdeckte, dass der "Fehler"
nicht bei mir lag, sondern an der Situation. Ich wollte lernen und sie wollten
über die Therapieausbildung einen Beruf ausüben. Sie wollten auch
lernen, aber sie taten es anders als ich. Von diesem Zeitpunkt an, ging es mir
in allen Gruppen besser. Ich hatte leidvoll etwas entdeckt, dass Martin Buber
Ich-Du und Ich-Es nannte.
Die Kinder hatten mich zum Ich-Du gezwungen und die Gruppenmitglieder das Ich-Es
vorgeführt.
Natürlich sprachen und diskutierten wir in den Ausbildungsgruppen über
diese beiden "Begriffe" ausgiebig, denn Martin Bubers "Entdeckung"
ist eine Säule aller humanistischen Therapieformen. Oft fand ich mich schweigend
und dumm fühlend dabeisitzen. Was war geschehen? Die "Kollegen"
sprachen über Ich-Du wie über Ich-Es und da konnte ich nicht mitreden.
Das kann man nicht bereden. Darüber kann man nicht sprechen, man kann es
nur fühlen bzw. wahrnehmen, sich dorthin entwickeln.
Noch etwas anderes Entscheidendes kommt hinzu: Wenn man mit seinem Inneren
nicht im Ich - Du lebt, kann man es im Äußeren auf keinen Fall.
Nach meinem Aufbaustudium zum Sonderschullehrer ging ich nicht in das Erziehungsheim
zurück, sondern kam an eine Sonderschule für Erziehungshilfe in Köln.
Mein Glück war, dass ich eine Klasse mit neu eingeschulten, kleinen Kindern
bekam. Die Kinder waren alle trotz ihres Alters (6 - 8 Jahre) an den normalen
Schulen gescheitert. Vom ersten Tag an setzte ich das Prinzip des Ich - Du konsequent
um. Zwei Jahre lang machten wir keinen üblichen Unterricht, sondern tobten,
sie sprangen vom Schrank in meine Arme und wir machten Lagerfeuer in unserer
Klasse. Die Kinder reiften nach. Ich reifte nach! Wir wurden alle selbstbewusstere,
eigenständigere Persönlichkeiten. Dann folgten 2 Jahre konsequenter
Schulunterricht, den die Kinder nun auch einforderten, und ich schulte sie alle
zurück. Nur einer kam zurück. Er hatte es an der "normalen"
Schule nicht "geschafft". Alle anderen sah ich nicht mehr wieder.
Das war schmerzhaft. Sie meldeten sich nicht, obwohl wir alle solch eine innige
Beziehung hatten. Was war geschehen? Ich hatte sie ja über ein Ich - Es
nicht abhängig gemacht, sondern über das Ich - Du selbstständig
werden lassen!!! Sie brauchten sich nicht, über die gewöhnliche Kontaktaufnahme,
bei mir zu melden.
Was hatte ich gelernt?
In jedem Menschen liegen Bereiche brach, sind Bereiche durch "fehlgelaufene"
Erziehung ausgegrenzt. Natürlich auch bei jedem Erwachsenen, selbst wenn
er 80 Jahre alt ist. Mit diesen Bereichen müssen wir in Kontakt kommen,
sie integrieren, auch wenn wir sie nicht auflösen können. Wir müssen
uns gestatten in Regressionen zu fallen. Wir müssen mit diesen psychischen
"Schmerzen" leben lernen, so schmerzhaft dies oft ist. Erst dann sind
wir eine gereifte Persönlichkeit und somit beziehungs- und liebesfähig.
Kommen wir dann mit Menschen in Berührung, die nur im Ich - Es leben, können
sie uns nicht mehr heftig verletzen und aus der Bahn werfen. Das geschieht nur,
wenn wir uns selbst gegenüber im Ich - Es leben. Sie verletzen uns noch,
aber mehr durch ihr Ich-Es-Sein als durch das, was sie sagen und meinen. Wir
müssen leider lernen, mit diesem Schmerz zu leben. Gelingt uns dies, so
merken wir, wie in uns eine Instanz heranwächst, die ich als Mitleid bezeichnen
möchte. Wir leiden mit ihnen mit, werden aber nicht überheblich. Dies
ist für mich nichts anderes als das Mitgefühl der Buddhisten. Dieses
Mitgefühl ist das "personifizierte" Ich - Du.
Was ist der Schluss, den wir aus dem eben Gesagten ziehen können?
Ich möchte das folgende nicht als Übertreibung bewertet sehen:
Jeder, der uns verletzt, ist von diesem Reifestand an unser Meister. Es gibt
keinen besseren Meister. Die Verletzenden zeigen uns die Wunden, die noch nicht
verheilt sind. Jetzt beginnt die eigentliche Meditationsarbeit! Jetzt beginnt
der Weg des "Erkenne Dich selbst". Diese Schmerzen sind keine Vorstellungen
mehr. Sie verstellen nicht mehr den Weg ins Innere! Sie sind natürliche
Hindernisse, die unser Menschsein ausmachen. Dieser Weg führt uns zum eigentlichen
Selbst.
Meister Ekkhard:
„Das Selbst ist uns näher als jeder Gedanke.“ Ich möchte
hinzufügen: Das Selbst ist uns näher als jeder Schmerz, doch der Schmerz
gehört dazu und führt uns zum Selbst. Kein Gedanke führt uns
zum Selbst!!! Jeder Gedanke, auch diese Zeilen, sind nur ein Hilfsmittel, die
Hindernisse als überwindbar zu erkennen.
|