Täter und Opfer
Als ich begann, mich intensiver mit den Verhaltensmustern der Menschen zu beschäftigen,
war ich erstaunt, wie einfach wir in unseren Handlungen gegliedert sind. Diese
Einfachheit lässt sich im Kern auf die beiden Begriffe Opfer und Täter
reduzieren. Erst unsere Denkfunktion (inklusive Gedächtnis) und die damit
gekoppelten oder hervorgerufenen Emotionen machen unser Erleben bei unseren
Tätigkeiten so kompliziert.
Simples Beispiel: Da bin ich und da ist der Computer. Ich möchte einen
Artikel schreiben. (Ich bin der Täter, der Computer das Opfer). Plötzlich
erscheint eine Fehlermeldung, sofort reagiere ich als Opfer, mit allen dazugehörenden
individuellen emotionalen Mustern und mache den Computer zum Täter. Ich
suche den Fehler zu beheben; ich bin der Täter, der Computer wird zum Opfer.
Das Gleiche kann ich auf alle Bereiche des Lebens übertragen:
Ich habe Streit mit einem Kollegen. Er greift mich an. Ich reagiere aus der
Opferrolle und „schieße“ zurück oder flüchte. Schieße
ich zurück, entscheidet sich die Ist-Lage des Gegners, ob er nun seinerseits
flüchten (Opfer) oder wieder angreifen (Täter) wird.
Selbst wenn wir flüchten, uns also als Opfer zeigen, werden wir mit Sicherheit
nach dem Streit die Situation so mit unseren Gedanken zurechtrücken und
notfalls verbiegen, dass wir zum Schluss für uns wieder Sieger, also Täter,
sind. Erst dann sind unsere Emotionen oder Gefühle beruhigt - also im Lot.
Notfalls degradieren wir in unseren Selbstgesprächen den Gegner in unserer
Werteinschätzung so massiv, dass wir als Sieger übrig bleiben müssen.
Der andere wird indessen das Gleiche tun, sodass zum Schluss nur noch Sieger
übrig bleiben. Gelingt dies einem der beiden nicht, schaltet das Gehirn
das Vergessen ein. Es holt uns damit aus der emotionalen Verstickung durch Verdrängung
heraus.
Gerade sehr depressive Menschen (Depression ist der Inbegriff für die Opferrolle),
sind mit Hilfe der Depression ganz starke Täter. Nur merken sie es subjektiv
nicht und befinden sich damit in einer ausweglosen Lage.
Dieses eben Geschilderte erscheint mir von der Natur deshalb angelegt, damit
genug Wille und Kraft zum Überleben übrig bleibt. Das Kriterium Opfer-Täter
gehört also in eine sehr tiefe Schicht in uns. Es gehört zur Basis
der existenziellen Ebene. Diese Ebene ist die unterste Stufe unserer Persönlichkeit.
Es ist die fundamentale Stufe der Schöpfung, der Dualität also. Ohne
uns mit ihr auseinander gesetzt zu haben, gelingt uns ein bewusster Übergang
zur transpersonalen Ebene nicht. Selbst wenn wir durch unsere Übungen in
die transpersonale Ebene „rutschen“, werden wir unsere duale Denkweise
mitnehmen und diese Ebene in gut und böse usw. trennen. Dies hat dann auf
der Persönlichkeitsebene verheerende Folgen (dazu gehören Religionskriege
oder Sekten und die Fundamentalisten unter den religiösen Menschen).
Erst in der Synthese von Täter und Opfer, Nehmen und Geben, gut und böse
liegt unsere Befreiung. Beobachten wir von dieser Ebene her unser Denken und
den Inhalt unserer Gedanken, so entdecken wir schließlich, dass es automatische
Gedankenkonstruktionen des Gehirns sind. Es sind nicht von uns willentlich gedachte,
erdachte Lösungsmöglichkeiten, sondern vom Gehirn automatisch erzeugte
Gedanken.
Erst diese Synthese ermöglicht uns die reine Wahrnehmung. Identifizieren
wir uns mit der Wahrnehmung unseres inneren Erlebens, sind wir frei. Doch dazu
gehört Mut und Ein-sicht.
Die Chinesen fanden dafür den Begriff Wu-wei: Tun ohne zu tun.
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