Die Phasen des menschlichen Denkens und Handelns
Unsere Gesellschaft ist in ihren Verhaltens- und Denkmustern auf das Lebensalter
zwischen 20 und 40 eingestellt. Die 20 Jahre davor zählen überwiegend
als Vorbereitung auf diese Zeit und die 20 Jahre danach als traurigen Abschied.
Von den 20 Jahren zwischen 60 und 80 denkt man nur noch „vom traurigen
Rest“, der noch nicht einmal als Konsument zählt.
Die Übergansphase von der Kindheit und Jugend zum Erwachsenenalter wurde
in vielen Kulturen zur Einweihung genutzt. Diese Einweihung beinhaltete für
mich die Möglichkeit eines inneren und äußeren Wertewechsels.
Kindheit und Jugend wurde nicht vom Wertekatalog der 20 - 40 jährigen aus
gesehen, sondern Kindheit und Jugend hatten in sich einen Wert. Die Einweihung
war nun ein Abschied von diesen alten Werten und eine Anbindung an die neuen
Werte. Der Jugendliche wurde in seiner Suche nach den neuen Werten nicht allein
gelassen. Er erhielt die Möglichkeit die neuen Werte bewusst zu übernommen.
Das erschaffte viel Sicherheit und Klarheit in ihm. Dies gibt es leider bei
uns nicht mehr.
Nun folgten die zwanzig Jahre, in denen die Welt ergriffen werden musste, in
denen die Verantwortung für die Gesellschaft auf der materiellen Ebene
und in ihrer existentiellen Form gefordert war. Die Kinder und Jugendlichen
und die Alten mussten in ihren materiellen Bedürfnissen versorgt werden.
Die ganze Gesellschaft musste durch Erzeugung des Nachwuchses in ihrem Bestand
gesichert werden.
In der ersten Phase stand das Ausprobieren, das spielerische
Einüben, das Suchen, Finden und Verwerfen im Vordergrund.
In der zweiten Phase stand also das "Muss" im Vordergrund.
Für den Bestand der Gesellschaft war nun äußerlich gesorgt:
Für Nachwuchs war gesorgt, die materielle Basis war mehr oder weniger gesichert.
Nun hätten die Menschen von der Bildfläche verschwinden können!
Von der Natur her gesehen, haben sie nun ihre Aufgabe erfüllt.
Doch die Menschen in allen Kulturen erkannten, dass nun etwas Neues beginnen
konnte: Waren Kindheit und Jugend ein "Spiel" zwischen Innen- und
Außenwelt, die Jahre danach ein sich orientieren an der Außenwelt,
so folgte jetzt die Dominanz der Innenwelt. Die Werte änderten sich abermals.
Die Werte der Innenwelt mussten entdeckt und nach Außen getragen werden,
um die Gesellschaft mit grundlegenden Werten der Kultur, der Spiritualität
Ethik zu nähren.
Das beinhaltete wieder wie in der Kindheit ein Suchen, ein Finden und Verwerfen,
ein Einüben, eine ständige Auseinandersetzung; aber jetzt auch ein
Sterben lassen der Werte, Denkschemata und Handlungsweisen der letzten zwei
Jahrzehnte. Gerade letzteres macht diese Übergangsphase so schwierig. Hier
setzte früher die Bedeutung der "übriggebliebenen" 60 bis
80 jährigen ein: Sie hatten diese Phase hinter sich, sie waren konsolidiert
und konnten von ihrer gefestigten neu gewonnenen Sicht diese Menschen unterstützen
und in ihrer Suche Beistand leisten. Sie lieferten allein durch ihr Dasein der
Gesellschaft in allen Phasen einen geistigen Hintergrund, der die Gesellschaft
jenseits der materiellen Ebene trug, festigte und eine geistige Geborgenheit
bot.
So wandelt sich die dynamische Vitalität der Kindheit und Jugend zur gezielten
Vitalität der 20 bis 40 jährigen. Wandelt sich danach in eine Dynamik
des geistigen Suchens und festigt sich in der Einfachheit des geistig vitalen
Seins.
Da die Werte der letzten Phasen in unserer Gesellschaft nicht erkannt und noch
viel weniger anerkannt sind leben wir nicht in einer Kultur, sondern in einer
sich selbst verschlingenden Zivilisation. Hier ist nun der einzelne Leser gefragt,
ob er sich den Werten der Zivilisation oder der Kultur verschreibt.
Das eine steht fest:
Von der Gesellschaft wird er nicht unterstützt, eher belächelt.
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